Einführung

Schon vor dem Krieg arbeiteten Christine und Carlos Schuler-Deschryver für das Projekt PNKB-GTZ (Kahuzi-Biega Nationalpark - Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit). Christine organisierte die Logistik des Projektes und Carlos war verantwortlich für die Infrastruktur des Parks.

Zwischen 1994 und 1996 befanden sich im Nord- und Süd-Kivu ca. 2,5 Millionen ruandische Hutu-Flüchtlinge (nach dem Genozid von Ruanda). Sie wurden während dieser zwei Jahre von zahlreichen internationalen Organisationen betreut. Mit dem Krieg 1996 verwandelte sich die Region von einem Tag auf den anderen in eine Gespensterwelt. Wie damals längst voraussehbar war, verlor die UNO (UNHCR) jegliche Kontrolle über die grössten Flüchtlingslager der Welt. Eine grosse Zahl der Flüchtlinge benutzte diese Situation, um in ihr Heimatland Ruanda zurückzukehren. Die Hardliner, verantwortlich für den Genozid in Ruanda, verstreuten und versteckten sich in den riesigen Wäldern des Kongo, besetzten und kontrollierten grosse Teile der Provinze. Sie mordeten und massakrierten seither nach Belieben. Ruandische Militärs kamen ins Land, um diese zu verfolgen. Alle Organisationen verliessen Ende 1996 die Region in Eile, und die Strassen wurden von ruandischen und kongolesischen Militärs und Milizen gefüllt. Christine verliess in letzter Minute mit Sarah und David Bukavu. Sie mussten sich während 8 Monaten in Belgien niederlassen.

Carlos blieb vor Ort mit wenigen Freunden, die in der Privatwirtschaft tätig waren. Nach einigen sorgenvollen Tagen konnten Ende 1996 die ersten Kontakte mit den neuen Kriegsherren aufgenommen werden.

Drei Wochen nach der «ersten Befreiung» von Bukavu 1996 wagte sich Carlos ein erstes Mal zur Hauptstation in den Park. Die Station war besetzt von Hunderten ausländischer Soldaten. Die risikovolle Begegnung zwischen dem «Weißen» und den neuen Kriegern verlief glücklicherweise friedsam. Wächter, die nahe der Station wohnten, hatten schon erste Kontakte mit den ruandischen und ugandischen Kommandanten, und sie hatten von Carlos erzählt, der in den vergangenen Jahren jene Infrastruktur der Station aufgebaut hatte, welche die neuen Krieger nun besetzt hielten. Im Touristenzentrum «hausten» inzwischen rund 200 Kühe. Das Verwaltungsgebäude war in eine Küche, in einen Schlafraum und in ein Bordell verwandelt worden.

Tags darauf führte Carlos den neuen Kommandanten mit einigen seiner Leute zu einer Gruppe Gorillas, die sich an den Umgang mit Menschen gewöhnt hatten. Die erste Sensibilisierung in einem äusserst schwierigen Kontext hatte begonnen. Diese Arbeit musste in der Folge immer wieder geleistet werden, denn die Militärs wurden jeweils nach wenigen Wochen oder Tagen wieder ausgewechselt. Jedes Mal wurden die neuen Besetzer erneut zu den Gorillas geführt. Auch die Arbeit im und um den Park konnte wieder langsam aufgenommen werden. Patrouillen mit Militärs und Wächter wurden gemeinsam organisiert.

Die Hoffnung von der Befreiung des Kongo (vor dem Krieg Zaïre) und der Vertreibung des allmächtigen Herrschers Mobutu blieb von kurzer Dauer. Der damalige Präsident Laurant Désiré Kabila, der den Kongo mit der Hilfe von Uganda, Ruanda und Burundi besetzt hatte, schickte die fremden Krieger in ihre Heimatländer zurück. Unglücklich über diesen Rauswurf fielen die fremden «Alliierten» im August 1998 erneut vom Osten in den grossen Kongo ein und besetzten für 6 Jahre beinahe die Hälfte des Landes. Das Ziel dieser Ausländer war, im Kongo das neue, teure und sehr begehrte Coltan/Tantalit auszuplündern (für die neue Technologie wie Handys, Chips etc.). Die in den Wald geflüchteten, ruandischen Hutu-Milizen und die Militärs der ruandischen Armee «kolonisierten» die hilflosen Kongolesen und bauten die begehrten Bodenschätze ab. Die Kriegsherren übernahmen die Beute und schmuggelten die Ware über die Grenze nach Ruanda und in die Industrieländer.

Diese Situation führte schon sehr früh zu furchtbaren menschlichen Tragödien. Ermordungen, Vergewaltigungen, Verrat, die geschickt organisierte Schürung von ethnischem Hass, Massaker passierten immer häufiger. Schon früh zeichnete sich ab, dass sich diese Situation zur schlimmsten Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg entwickeln würde.

Doch die hier Augenzeugen bemerkten mit grosser Besorgnis, dass die Denunzierungen und Tatsachenberichte von der internationalen Gemeinschaft nicht wahrgenommen werden. Nach dem unverzeihlichen Versagen der UNO beim Genozid in Ruanda wollte diese Gemeinschaft es nicht wahrhaben, dass sich eine ähnliche Situation im Süd-Kivu gegeben war, und man verschloss die Augen gegenüber dieser Lage.

Der Kongo trauert heute um ca. 4 Millionen unschuldige Opfer. Die Verantwortlichen für den Genozid von Ruanda leben auch heute noch. Sie erhielten 1994 das Recht, als Flüchtlinge in den Kongo zu kommen, wurden während Jahren im Kongo bewirtet, und seit Jahren verhandelt die MONUC (Mission der UNO im Kongo) mit diesen unkontrollierten Banden, um sie zur Rückkehr nach Ruanda zu veranlassen, was jedoch bislang zu keinem Ergebnis geführt hat. Sie werden heute von der MONUC, die unfähig ist, die Sicherheit der unschuldigen kongolesischen Bevölkerung zu gewähren, wie eine „politische Fraktion“ behandelt. Ihre Verfolger, die ruandischen Militärs und ruandophonen Militärs und Milizen, die zusätzlich im Raub der kongolesischen Naturschätze engagiert sind, wüten im gleichen Masse im Süd-Kivu und verwandeln diese Provinz in ein nicht zu befriedendes Kriegsgebiet. Diese Situation hatte zur Folge, dass Frauen, Kinder und alte Menschen der absoluten Gewalt ausgesetzt sind. Seit einem Jahrzehnt ist dieses Tun ungestraft geblieben. Menschen sind Objekte von Kriegsstrategien geworden. Die Zahl der täglichen Opfer wird heute auf über 1000 geschätzt. Die Zahl der vergewaltigten Frauen beträgt das Vielfache davon und kann gegenwärtig nicht mit Sicherheit abgeschätzt werden.

Frauen werden massenweise von kongolesischen und ruandischen Militärs und Milizen vergewaltigt. Sie fallen einzeln oder in Gruppen bis zu zwanzig Mal über Frauen und Mädchen her. Oder sie werdenals Geiseln und Sklaven für Wochen und Monate verschleppt. Vergewaltigungen gehen in der Regel mit Verstümmelungen einher. Man kann die Grausamkeit dieser Akte nicht beschreiben. Es melden sich in der Regel jene Frauen, deren Geschlechtsteile durch Objekte wie Gewehre, Stöcke oder Messer zerstört wurden oder die durch grausame Rituale Schreckliches erlebt haben. Melden tun sich Frauen, die um ihr nacktes Überleben kämpfen. Oft ist der Tod schneller als die Flucht ins nächste Dorf.

 
 
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