Das Trauma bleibt
Das Hospital Panzi in Bukavu liegt rund 30 Autominuten außerhalb des Zentrums von Bukavu. Geleitet wird sie von Dr. Denis Mukwege, der in Frankreich studiert hat. Hier liegen rund 350 Frauen, viele von ihnen schwer verletzt. Sie wurden misshandelt und vergewaltigt von Rebellen, die durch die Dörfer in der Umgebung ziehen. Manche von ihnen wurden viele Monate lang als Sexsklavinnen festgehalten. Die marodierenden Guerillakämpfer plündern Dörfer, brandschatzen, töten ohne Sinn und Verstand.
---------------------------------------------------
Traumatisierte Frauen im Kongo - Hörfunkbeitrag von Susanne Babila (mp3)
----------------------------------------------------
Die meisten sind Interhawame-Kämpfer, Hutu-Rebellen aus Ruanda, die sich in den kongolesischen Wäldern verstecken. Ihre Zahl wird auf 10 bis 15 Tausend Mann geschätzt. Die Versuche der UN-Soldaten (MONUC), die bewaffneten Soldaten zu entwaffnen, sind nur zum Teil mit Erfolg gekrönt. Die neu organisierte kongolesische Armee (FARDC) ist auch mit einigen Bataillonen in der Kivu-Region, aber sie sind nur mäßig motiviert in einem unberechenbaren Kampf ihr Leben zu verlieren, denn sie bekommen nur unregelmäßig ihren Sold, viele haben kein Dach über dem Kopf. Unter solchen Umständen fällt es schwer, sich für die Verteidigung des Vaterlandes einzusetzen.
Die Leidtragenden sind vor allem die Dorfbewohner, die in den unzugänglichen Waldgebieten den marodierenden Banden schutzlos ausgeliefert sind.. Vor allem Frauen jeden Alters, sogar 80-jährige Großmütter oder 5-jährige Mädchen, sogar Babies, sind Opfer unvorstellbar grausamer Übergriffe. Sie werden unter satanistischen Ritualen öffentlich vergewaltigt und misshandelt. Dabei bedienen sich die Täter auch glühender Gegenstände, Äste oder scharfem Werkzeug. Der Unterleib der Frauen ist danach vollkommen zerstört. Der engagierte Arzt versucht innerhalb von drei bis sechs Monaten den Frauen mit mehreren Operationen zu helfen. „Wir tun alles was wir können, aber jeden Tag kommen zehn Frauen und unser Hospital ist bereits überfüllt“, sagt er milde lächelnd. Er operiert am Vormittag, macht Visite und kehrt am Nachmittag in seine eigene Praxis zurück. Denn nur dort verdient er Geld, seine Arbeit im Hospital Panzi ist kostenlos, denn 80 Prozent der Frauen können kein Cent bezahlen.
Unterstützt wird er von der Kongolesin Christine Schuler-Deschryver, die bei der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) arbeitet. Sie setzt sich dafür ein, dass das Hospital Panzi finanzielle Mittel erhält und versucht auf das Leid der Frauen aufmerksam zu machen. Zwar gibt es im Hospital auch eine Psychologin, die sich um die traumatisierten Frauen kümmert, aber das reicht nicht aus, um ihnen allen gerecht zu werden. Dazu kommt: Viele sind nach den Vergewaltigungen HIV-positiv. Ein Tabuthema. Junge Mädchen, die vergewaltigt worden sind, sehen keine Zukunft mehr. Sie sind in den Augen der anderen Dorfbewohner nicht mehr „heiratsfähig“. Sie bleiben in der 250 Tausend Einwohner Stadt Bukavu allein zurück und verdingen sich als Prostituierte. Ein Teufelskreis. Nur wenige wüssten Bescheid über die Zustände, die hier herrschen, sagt die sympathische Frauenrechtlerin, die in Belgien studiert hat. Die Frauen haben keinen Schutz, niemanden an den sie sich wenden können, klagt sie, und wir können auch nur mit geringen Mitteln helfen. Doch allein Zuhören sei ein wichtiger Beitrag, sagt Dr. Mukwege. Die Frauen danken es ihm, singen ihm Lieder, wenn er sie besucht.
Eine Rückkehr in die Dörfer ist für die meisten Frauen ausgeschlossen. Sie schämen sich, manche Männer haben sie verstoßen, andere irren verwirrt in den Wäldern umher, weil sie selbst traumatisiert sind. Ganz abgesehen von den Kindern, die mit den Erinnerungen ohne Hilfe weiterleben. „Das Trauma bleibt“, sagt Dr. Mukwege. Die systematischen Vergewaltigungen und Misshandlungen der Frauen sind eine Kriegswaffe. Denn in Afrika sind die Frauen der Motor des Landes; sie bestellen die Felder, ernähren die Familie und erziehen die Kinder. Mit der Zerstörung der Frau wird der Motor, das Herz des Landes zerstört.
Geschrieben von Susanne Babila am 31. Juli 2006
